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Barcelona TM
Bücher von spanischen Verlagen und spanischen Literaturagenturen mit verfügbaren Übersetzungsrechten für den deutschen Sprachraum.
Autoren: Mehrere Autoren (33)
Verlag: Norma Editorial, 2011, 278 S.
Genre: Graphic Novel
Gutachter: Jan Surmann
Bei dieser Graphic Novel handelt es sich um eine Zusammenstellung verschiedener Comic-Kurzgeschichten, deren zentraler Bezugspunkt die Stadt Barcelona ist. Dies ist nicht allein inhaltlicher Aufhänger, sondern gleichzeitig auch der Lebens- und Arbeitsschwerpunkt der in diesem Band versammelten Künstler und Autoren, was dem Band eine persönliche Note gibt. Sowohl das Genre an sich als auch die graphische Gestaltung des Buches und der Titel Barcelona TM (wobei TM für „Trade Mark“ steht und die Frage eröffnet, ob es sich hierbei auch um implizites Stadt-Marketing handelt) lässt ahnen, dass sich hier das moderne und europäische Barcelona präsentiert.
Hervorgegangen ist der Sammelband, der 27 Kurzgeschichten von insgesamt 33 Künstlern vereint, aus einem informellen Zirkel verschiedener Zeichner und Autoren, die sich regelmäßig zum Essen – den comidas frikis – trafen und sich dabei austauschten. So reifte das Projekt über einen Zeitraum von mehreren Jahren und wurde ohne konkrete Vorgaben von Seiten des Verlags verwirklicht. Alleinige Bedingung war, dass die Geschichten mindestens vier Seiten lang waren und als Aufhänger Barcelona haben mussten. Die Anthologie wurde dann von dem traditionsreichen Verlag Norma Editorial herausgegeben. Dieser 1977 mit dem Focus auf Comics gegründete Verlag gibt pro Jahr um die 300 neue Titel heraus. Damit gehört er zu den großen spanischen Verlagen, die sich auf den Bereich der Graphic Novels spezialisiert haben. Der Verlag hat auch international renommierte Zeichner in seinem Programm und verfügt über ein eigenes Netz von spezialisierten Buchhandlungen.
Der Sammelband, komplett in schwarz-weiß gehalten und mit einem sehr ansprechenden Cover ausgestattet, ist Ausdruck der künstlerischen Kreativität einer Comic-Szene, die in den Straßen und Bars von Barcelona gewachsen ist. Das Buch ist eine Art Innenansicht und Selbstpräsentation ihrer Arbeiten, die Kurzgeschichten wurden für den Band selbst ausgesucht. Gewidmet ist diese Arbeit Santiago Navarro, der als Bindeglied dieser losen Künstler-Gruppe agierte und 2009 im Alter von nur 36 Jahren verstarb. Das Ziel bei der Erstellung des Buches war nicht zuletzt, dem Genre der Graphic Novel in Spanien, das unter den schwierigen Marktbedingungen ganz besonders leidet, neue Leserkreise zuzuführen. Insofern dürfte der Titel als eye-catcher wirken, womit sich das Buch in die lange Reihe jener Publikationen einreiht, die den Namen dieser „Ciudad Condal“ im Titel tragen. Mitgewirkt bei der Anthologie haben dann auch bereits etablierte Autoren wie Roger Ibáñez oderEnrique Fernández. Aber auch die weniger bekannten Comic-Verfasser haben der Qualität des Buches keinen Abbruch getan. Fast allen Autoren ist gemein, dass sie ihre Arbeit und ihr Genre in zahlreichen eigenen Internet-Blogs kommentieren.
Auch wenn die diversen Kurzgeschichten für sich stehen und keinen gemeinsamen roten Faden haben, so kann dennoch als unterschwelliges Leitmotiv eine Auseinandersetzung mit der Gegenwart und Zukunft der Stadt ausgemacht werden. Einige Geschichten sind traurig, andere wiederum humorvoll, einige setzen einen kritischen Akzent, andere sind sehr apokalyptisch und malen ein schwarzes Bild der Stadt. Allen gemein ist, dass sie Barcelona als Ausgangspunkt haben und immer sehr persönlich sind. Besonders hervorzuheben, gerade auch um dem Vorwurf entgegenzutreten, es handele sich um rein oberflächliche Themen, ist die Kurzgeschichte Todos Iguales von Sergi Álvarez und Silvia Ortega. Auf sehr subtile Weise wird eine Geschichte über Tauben zu einer Parabel: Die Geschichte wirft Fragen auf zu Moral und Verantwortung in Zeiten aufkommender Xenophobie in Spanien und setzt sich daher mit der Wandlung der spanischen Gesellschaft von einem Auswanderungsland zu einem modernen Einwanderungsland mitsamt den sozialen Folgen auseinander. Ebenso bemerkenswert erscheint mir die Geschichte Guía Para Italianos Que Quieren Mudarse A Barcelona von Claudio Stassi. Er thematisiert nicht allein Barcelona als eine Metropole, die Menschen von überallher anzieht. Gleichzeitig werden am Beispiel der Wohnungssuche die vielschichtigen Probleme thematisiert, mit denen die Bewohner dieser Stadt sich in ihrem Alltag auseinander setzen müssen.
Der Sammelband kann verstanden werden als eine anthropologische Studie über Barcelona, gesehen und beschrieben aus dem spezifischen Blickwinkel einer Künstler-Szene, die ihre Sicht auf die Stadt offenbart. Sprachlich sehr in der Comic-typischen Umgangssprache geschrieben, offenbart diese Graphic Novel doch auch eine bestimmte Sicht auf die spanische Gesellschaft sowie ihren Umgang damit. So war es auffallend, wenn auch nicht verwunderlich, wie beispielsweise auch der Neue Spanische Film zeigt, dass Sexualität bzw. sexualisierte Personen eine immer wiederkehrende Thematik sind. Was zum Teil etwas redundant wirken mag, ist aus Perspektive der Autoren ein zentraler Ausgangspunkt auf der Suche nach dem Selbstverständnis des modernen, postfranquistischen Spaniens.
Der Sammelband erscheint mir für eine Übersetzung gut geeignet und ich würde ihn umstandslos empfehlen. Weniger ausschlaggebend erscheint mir dabei die Frage, ob tatsächlich alle Geschichten gefallen oder in ihrer graphischen Umsetzung für gekonnt angesehen werden. Vielmehr ist es diese breite Zusammenstellung, die den Lesenden einen sehr guten Eindruck vom kreativen Schaffen der Comic-Szene in Barcelona vermittelt. Nicht nur ist diese Stadt ein momentaner Magnet, der viel Aufmerksamkeit und Interesse auf sich zieht, auch ist der Bereich der Graphic Novels stark im Kommen. Barcelona TM ist ein gut gelungener, breiter Einblick gerade auch für jene Lesenden in Deutschland, die sich noch nicht auf einen Lieblingsautor festgelegt haben.