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Belgien
Bücher von spanischen Verlagen und spanischen Literaturagenturen mit verfügbaren Übersetzungsrechten für den deutschen Sprachraum.
Autorin: Chantal Maillard
Verlag: Editorial Pre-Textos, 2011, 341 S.
Genre: Literatur
Gutachter: Carsten Regling
Das neueste Werk der Philosophin und Dichterin Chantal Maillard ist zum einen eine faszinierende Mischung verschiedener literarischer Genres (Memoiren, Reisebericht, Lyrik ...), zum anderen ein erhellender philosophischer Text, der das Thema „Erinnerung“ in all seinen Facetten beleuchtet.
Die 1951 in Brüssel geborene Autorin Chantal Maillard lebt seit 1963 in Spanien. Zu ihren Werken zählen neben mehreren Lyrikbänden, philosophischen Abhandlungen und Essays (darunter Texte über Ästhetik und Denken Südasiens sowie Henri Michaux) auch eine Trilogie von Tagebüchern, die nun um dieses Buch erweitert wird, wobei der Begriff „Tagebuch“ bei Maillard in einem sehr weiten Sinn zu verstehen ist, da sich all ihre Texte sowohl inhaltlich als auch stilistisch durch einen hybriden, Genregrenzen überschreitenden Charakter auszeichnen. Waren die Leitthemen in den vorangegangenen „Tagebüchern“ Leidenschaft, Selbstbeobachtung und Schmerz, so widmet sie sich in Bélgica der Erinnerung.
Bélgica(Belgien) beginnt mit einem langen Prolog, einer Art Leitfaden, in dem die Autorin von der Idee und der Entstehung des Buches erzählt und eine erste Annäherung an den Begriff „Erinnerung“ liefert. Den Ausgangspunkt des Textes bildet ihre eigene biographische Erfahrung (die ersten zwölf Lebensjahre in der belgischen Hauptstadt Brüssel, das Französische als Muttersprache). Insofern ist das Buch auch eine Art Spurensuche, eine archäologische Erinnerungsarbeit. Gleichzeitig macht die Autorin deutlich, dass es ihr in erster Linie nicht allein um konkrete Erinnerungen (Daten, Orte etc.), sondern vielmehr um den Prozess des Erinnerns geht, um eine Art Wiedererlangung der Kindheit, die Suche nach einer verlorenen Unschuld und kindlichen Freude („die Suche nach dem persönlichen Ithaka“, wie Maillard es nennt), eine Suche, die durch das Aufschimmern einer Erinnerung ausgelöst wird („eine Schubkarre voller Wasser vom letzten Regen“) – etwas, das sie mit Marcel Proust verbindet, den sie nicht umsonst häufiger erwähnt, auch wenn sie sich bewusst von der Herangehensweise des französischen Autors abgrenzt.
Das Buch selbst besteht aus den tagebuchartigen Schilderungen von acht Reisen, die Chantal Maillard zwischen Dezember 2003 und Oktober 2008 aus privaten und beruflichen Gründen nach Brüssel und in andere belgische Städte unternommen hat, und den jeweiligen Intervallen zwischen den einzelnen Reisen, während derer sie über das Erlebte reflektiert, aber auch vieles andere einfließen lässt: verstreute Gedanken, Träume, Aphorismen, Poetisches, Philosophisches ... Erinnern ist für Maillard kein Prozess, der sich allein mit der Vergangenheit beschäftigt, sondern der ebensoviel mit der Gegenwart zu tun hat, von dieser abhängig ist und wiederum auf sie zurückwirkt.
In den acht Reiseberichten erzählt die Autorin von ihrem Großvater, einem Künstler, dem Wohnhaus der Eltern, ihrer Schule, den belgischen Straßen und Läden, dem Klang bestimmter Wörter und dem, was sie in der Gegenwart, viele Jahre später auslösen (denn die Vergangenheit ist für die Autorin auch immer mit dem Französischen, der Sprache ihrer Kindheit, aber auch mit dem Flämischen verbunden), klimatischen Phänomenen wie Schnee, Hagel, Kälte und einer ganz speziellen Sonne, die sie mit ihrer Kindheit verbindet, dem Haus von Magritte, ihrem geliebten Hund Toby und vielem anderen mehr. Belgien dient der Autorin dabei nur als Hintergrund, als Projektionsfläche für ihre Erinnerungen, als ein Synonym ihrer Kindheit, als mythischer Erinnerungsort. Es mangelt durchaus nicht an konkreten Beschreibungen von Orten und Situationen, doch diese sind immer mit der Überlegung verbunden, was sie in Bezug auf die Kindheitserinnerungen bedeuten. Das real Vorgefundene dient letztlich als Auslöser für ihre Erinnerungen.
Der Stil des um viele Schwarz-Weiß-Fotos aus der Kindheit der Autorin ergänzten Werkes ist äußerst heterogen, ja geradezu fragmentarisch: Neben den Tagebuchaufzeichnungen finden sich narrative und lyrische Passagen, essayistische Abschnitte und philosophische Reflexionen, die im Kopf des Lesers zu einem Ganzen verschmelzen. Maillard hat diese fragmentarische Form und die Verwendung unterschiedlicher Schreibstile bewusst gewählt, da sie den Erinnerungs-, aber auch Schreibprozess adäquat zum Ausdruck bringen, vielleicht auch ihre „gebrochene“ Biografie. Erinnerung (und letztlich auch Schreiben) scheinen für sie nur über Umwege, von den Rändern her möglich.
Chantal Maillard hat ein faszinierendes, vielschichtiges, die Genregrenzen spielerisch überschreitendes Buch verfasst, das dennoch nie Gefahr läuft zu „zerfasern“, da es von dem universalen Thema der Erinnerung an die Kindheit (und der damit verbundenen Wiedererlangung derselben) zusammengehalten wird. An manchen Stellen mag die Behandlung des Themas etwas redundant sein, auch verlangt sie dem Leser einiges ab, fordert sie doch immer auch zum Mitdenken auf, doch als Belohnung winken erleuchtende Gedanken, aber auch Stellen von lyrischer Schönheit und narrativer Raffinesse, die gelegentlich an die Bücher von W.G. Sebald erinnern. Da die Autorin in ihrem Buch eine sehr persönliche Spurensuche mit einer allgemeinen Reflexion über eben diese Suche verbindet und damit universelle Themen wie Erinnerung, Kindheit und das Schreiben behandelt, ist das Buch selbst sehr „universell“ und wäre daher mit Sicherheit auch eine große Bereicherung für den deutschen Buchmarkt, sodass seine Übersetzung sehr zu empfehlen ist.