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Anstand
Bücher von spanischen Verlagen und spanischen Literaturagenturen mit verfügbaren Übersetzungsrechten für den deutschen Sprachraum.
Autor: Álvaro Enrigue
Verlag: Editorial Anagrama, 2011, 228 Seiten
Genre: Roman
GutachterIn: Peter Kultzen
Der neue Roman des mexikanischen Schriftstellers Álvaro Enrigue ist hochvirtuose Parodie und Feier des großen , „allumfassenden“ lateinamerikanischen Romans in einem. Eine road novel, die in rasantem Tempo fast ein ganzes Jahrhundert mexikanischer Geschichte aufrollt, um zu dem Schluss zu gelangen: „So viel Revolution, nur damit wir am Ende immer noch nichts anderes sind als Mexikaner.“
Der Schriftsteller, Journalist und Literaturkritiker Álvaro Enrigue ist 1969 in Mexiko geboren, wo er zur Zeit auch lebt. Er veröffentlichte bislang zwei Bände mit Erzählungen – Virtudes capitales (1998) und Hipotermia(2005) – und die Romane La muerte de un instalador (1996), El cementerio de sillas (2002), Vidas perpendiculares (2008) und Decencia (2011).
Enrigues mehrfach ausgezeichnete Werke stießen von Beginn an auf die begeisterte Zustimmung von Kritikern und Schriftstellerkollegen der gesamten spanischsprachigen Welt. Er gilt ihnen als eine der großen Begabungen unter den jüngeren Autoren Lateinamerikas. Enrigue hat auch einige Jahre als Dozent für Literatur in den USA gearbeitet und bewegt sich mit auffälliger Sicherheit zwischen den beiden großen amerikanischen Kulturräumen. Eine Erzählung – übersetzt vom Unterzeichneten – aus dem Band Hipotermia ist enthalten in der im Herbst 2010 bei S. Fischer erschienenen Anthologie neuer lateinamerikanischer Schriftsteller Schiffe aus Feuer (Hrg. Michi Strausfeld).
Decencia
In Álvaro Enrigues neuestem Roman Decencia wechseln zwei Erzählstränge in nie allzu langen Abschnitten (maximal ca. 20 Seiten) regelmäßig einander ab. Im einen /ersten /den Roman eröffnenden Strang erinnert sich – Anfang der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts, wie sich später herausstellt – ein Ich-Erzähler mit dem Namen Longinos Brumell Villaseñor an seine (zunächst) Kindheit und Jugend in den Wirren der mexikanischen Revolution. Der zu Beginn des Jahrhunderts im Hinterland von Guadalajara geborene Sohn eines Großgrundbesitzers muss miterleben, wie der elterliche Besitz in die Hände der Aufständischen übergeht. Allerdings gelingt es Longinos‘ Vater – womit von Beginn an der in weiten Teilen burleske Charakter des Textes klargestellt wird –, sich mit Hilfe eines wahren Husarenstreiches die „freiwillige“ Übergabe seines Besitzes mit einer riesigen Geldsumme versüßen zu lassen, die die Aufständischen gerade erst an anderem Ort erbeutet hatten.
Einer bestens versorgten Zukunft der Familie steht also nichts im Wege; einziger Nachteil: Der neue monetäre Wohlstand lässt sich nur in der Provinzhauptstadt angemessen genießen, wo die Revolution nie so recht anzukommen scheint; für immer verloren geht dagegen das ländliche Kindheitsparadies Longinos‘.
Davon träumt Longinos jedoch auch noch als der alte Mann, von dessen Schicksal im zweiten Erzählstrang ein „allwissender“ (und auf höchst melancholische Weise ironischer) Erzähler berichtet: Der alte Longinos verbringt lustlos seine Tage als schwerreicher Rentner – und Großvater und (Paten)Onkel einer von ihm schon lange nicht mehr übersehenen Nachkommenschaft – an der Seite einer gänzlich ungeliebten Frau in Guadalajara.
Eines Tages wird Longinos, unterwegs auf seinem Morgenspaziergang, den er hauptsächlich dazu benutzt, gierig eine Unmenge Zigaretten zu rauchen, ohne dass seine Gattin etwas mitbekommt, nicht nur unfreiwilliger Zeuge eines Bomben- (bzw. Handgranaten-)Anschlages auf das örtliche US-Konsulat; die Attentäter laden den leicht verletzt am Boden liegenden Longinos vielmehr in ihr Auto ein – und es beginnt eine so rasante wie amüsante Flucht quer durch die mexikanische Provinz, mit dem Ziel, in der Mega-City Mexiko Stadt unterzutauchen.
Mit an Bord ist bald auch schon die Mutter der beiden jugendlichen Revolutionäre im Geiste der kubanischen Revolution und insbesondere der zu diesem Zeitpunkt noch ganz frischen Abenteuer Che Guevaras. Die Mutter selbst hat ihrerseits einige revolutionäre Erfahrung und ist ihren reichlich naiven Sprösslingen zudem an Intelligenz und Organisationsgeschick weit überlegen. Dennoch wäre das Trio sicherlich verloren ohne Longinos‘ weitreichende Beziehungen in höchste politische bzw. – was fast auf das Gleiche hinausläuft – mafiöse Kreise. In diesen Kreisen wiederum geben (immer noch) viele Generationskollegen von Longinos den Ton an, zumeist ehemalige Revolutionäre, die seinerzeit schon bald ihren ganz eigenen Frieden mit den einst bekämpften gesellschaftlichen Kräften gemacht hatten und sich seither den Reichtum des Landes „brüderlich“ aufteilen - wenn sie einander nicht gerade blutig bekämpfen.
Diese „revolutionäre“ Lektion erteilt der Text im Folgenden gleich zweifach: Einmal anhand der vom Ich-Erzähler Longinos‘ erinnerten Geschichte seines Werdeganges seit der Revolution – der geprägt ist von opportunistisch -gewitzter Anpassung einerseits, andererseits aber auch einer „typisch lateinamerikanischen“ so großen wie unbedingt unmöglichen Liebesgeschichte zu einer gewissen „Flaca Osorio“, der geheimnisvoll-verführerischen Gattin eines viele Jahre älteren ehemals revolutionären Lehrers, mit dem Longinos bald nach der Revolution einen höchst erfolgreichen Tequila-Handel ins Leben gerufen hat.
Das endgültige Aus für Longinos‘ und Flacas Liebe erfolgt jedoch, als der Ex-Revolutionär und inzwischen allmächtige Mafiaboss Cisniegas – auch „Erzengel“ genannt – Flaca für sich beansprucht: Tatsächlich auf seinen Wohlstand zu verzichten und mit Flaca in die USA zu fliehen, dazu ist Longinos zuletzt jedenfalls nicht bereit; stattdessen opfert er seine Liebe und nimmt Zuflucht bei der so verhassten wie schwerreichen Gattin in der Provinzhauptstadt Guadalajara (aus der Longinos so recht eigentlich zeitlebens nie herauskommen soll).
Dafür ist viele Jahre später ausgerechnet Cisniegas derjenige, der seinem alten Freund/Feind Longinos und dessen Entführertrio das Leben rettet, indem er sie mithilfe seiner offensichtlich immer noch sehr weit reichenden Macht sicher im Moloch Mexiko Stadt Unterschlupf nehmen lässt. Longinos hat zu diesem Zeitpunkt längst beschlossen, nicht mehr ins ungeliebte eheliche Nest zurückzukehren. Zu seiner nicht geringen Überraschung ist seine Gattin ihrerseits jedoch mit seinem Verschwinden nicht weniger zufrieden – so zufrieden, dass sie zum Verdruss Longinos‘ und seiner neuen „Familie“ nicht bereit ist, das von dieser zum Schein geforderte Lösegeld für Longinos herauszurücken.
Bleibt zuletzt für Longinos nur die Möglichkeit, wie von Cisniegas gewünscht, an dessen Seite in das neue „ganz große Ding“ mit einzusteigen, sprich: in den damals gerade aufkommenden Drogenhandel im großen Stil; außerdem bietet das den beiden Jungrevolutionären, die ihn entführt hatten, eine großartige Möglichkeit, „auszusteigen“: Sie wechseln nahtlos vom revolutionären ins mafiöse Lager über – genau wie die ihnen vorausgegangenen Generationen von „Revolutionären“ wie Cisniegas oder Longinos.
Womit der Text auch, quasi im Vorbeigehen, eine ernüchternd deutliche Erklärung für den Ursprung der gegenwärtigen hochdramatischen Misere Mexikos mitliefert, die der Unterzeichnete zu Beginn der Lektüre zunächst einigermaßen irritiert vermisste.
Die Konstruktion der zwei verschiedenen Erzählstränge des Romantextes (er)schließt sich ganz am Ende, als deutlich wird, dass Longinos, sozusagen um sich und der Mutter der beiden Jungrevolutionäre die Zeit zu vertreiben, dieser in ihrem gemeinsamen Versteck in Mexiko Stadt sein Leben erzählt.
Soweit ganz knapp zusammengefasst die Handlung dieses ungeheuer gekonnt und rasant erzählten Textes, der in einem kühnen Bogen fast einhundert Jahre mexikanischer bzw. lateinamerikanischer Geschichte Revue passieren lässt – bei genauerem Hinsehen jedoch keineswegs als „leere Stilübung“:
Im Gegenteil, zuletzt erweist sich das Ganze als meisterhafte Summe und Erklärung der katastrophalen Gegenwart von Enrigues Heimatland, die dennoch nicht darauf verzichtet, der großen literarischen Tradition Lateinamerikas (ganz besonders sicherlich Carlos Fuentes‘ Klassiker Der Tod des Artemio Cruz ) ihre – ironische und zugleich durchaus respektvolle – Reverenz zu erweisen.
Die Übertragung dieses Textes dürfte der oder dem damit Beauftragten Einiges abverlangen, nicht nur aufgrund der diskreten Ironie, die den gesamten Text durchzieht; die Unterhaltungen zwischen Longinos und seinem Entführertrio etwa sind zudem stellenweise von umwerfender Komik, die ihre Kraft zu einem wichtigen Teil aus Enrigues beeindruckend souveränem Umgang mit sämtlichen Stilniveaus der mexikanischen Alltags- wie Literatursprache bezieht.
In jedem Fall ein für eine Präsentation im deutschen Sprachraum sehr zu empfehlender neuer lateinamerikanischer Roman eines auffällig vielseitigen Autors.