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Herr N
Bücher von spanischen Verlagen und spanischen Literaturagenturen mit verfügbaren Übersetzungsrechten für den deutschen Sprachraum.
Autor: Daniel Nesquens; Illustrationen: Luciano Lozano
Verlag: Editorial Bambú, 2011, 64 S.
Genre: Kinderbuch (ca. 7-9 Jahre, zum Vorlesen ggf. auch früher)
Gutachterin: Ursula Bachhausen
Daniel Nesquens‘ El Señor H ist eine herzerfrischend komische, hintersinnige Geschichte über ein Nilpferd, das auszog, seinen Weg zu machen, und zugleich eine Hommage an die magische Kraft der Fantasie, die es zu bewahren gilt.
Der 1967 in Zaragoza geborene, mehrfach preisgekrönte Autor Daniel Nesquens hat in Spanien bereits zahlreiche Kinderbücher veröffentlicht, ist hierzulande aber noch unbekannt. Er zeichnet sich durch einen eigenen Humor aus, dessen Wurzeln er selbst in der Literatur des Absurden verortet. Der 1969 in Südspanien geborene, heute in Barcelona lebende Illustrator Luciano Lozano arbeitet regelmäßig für Zeitungen und Magazine sowie für Kinderbuchverlage. Seine Illustrationen erinnern in ihrer positiven Schlichtheit und ausgestrahlten Naivität an den Stil der 50er- und 60er-Jahre.
Das Nilpferd Señor H langweilt sich in seinem Gehege im Zoo. Eines Tages bittet es daher die kleine Rosana, die mit ihrer Schulklasse in den Tierpark gekommen ist, es freizulassen. Rosana wundert sich zwar kurz, dass das Nilpferd sprechen kann, und zögert im ersten Moment, kommt dann aber seiner Bitte nach. Denn, so versichert ihr Señor H glaubhaft, da alle nur mit sich selbst beschäftigt seien, würde es ohnehin niemand merken.
Wie wahr diese Worte sind, zeigt der folgende Ausflug des kecken Tieres. Noch im Zoo läuft es Pflegern und dem Tierarzt über den Weg, die sich offenbar nicht darüber wundern, es außerhalb seines Geheges zu sehen, sondern es allenfalls ermahnen, brav zurückzugehen, bevor sie sich wieder ihren Beschäftigungen zuwenden. Zwei Wärter helfen Señor H gar, als er am Ausgang im Drehkreuz stecken bleibt.
Auch außerhalb des Zoos scheint niemand so recht erstaunt: Weder der Reisebüroangestellte, vor dessen Schaufenster das Nilpferd unabsichtlich stößt, noch die Autofahrer oder die Fußgänger, die Señor H nach dem Weg nach Afrika fragt. Tatsächlich scheint niemand so recht Notiz von der ungewöhnlichen Begegnung mit einem Nilpferd zu nehmen. Die Leute nehmen allenfalls Anstoß an seinem Benehmen. So empört sich etwa in der Pizzeria, in der Señor H zwölf Pizzen verputzt, eine hochnäsige Dame wortreich über seine fehlenden Tischmanieren.
Nur die Kinder, die Señor H im Park entdecken und mit ihm spielen, nehmen ihn bewusst wahr. Auch wenn sie sich nicht einig werden können, ob er wohl ein Elefant oder ein Nashorn ist, erkennen sie doch ihre Chance auf prächtige Unterhaltung. Sie reiten auf ihm, klettern auf seinen Rücken, lassen sich abwerfen und baden mit ihm im Brunnen.
Als Señor H am späten Abend auf seiner Wanderung wieder vor dem Zoo landet, will ihn der Wärter mit einem verständnisvollen Lächeln einlassen. Doch Señor H lehnt ab und geht auf und davon. Er will zurück nach Afrika und glaubt fest daran, dass es für ihn eine zweite Chance gibt.
Die in einfachen, kindgerechten Worten verfasste Geschichte eignet sich für Erstleser, zum Vorlesen aber bereits auch für ältere Kindergartenkinder. Die naiv-fröhlichen Illustrationen von Luciano Lozano begleiten den Text stimmig, ohne allzu sehr die Fantasie in vorgegebene Bahnen zu lenken. Damit passen sie sehr gut zu dem zugleich komischen und absurden Charakter des Textes, der gegen die Verarmung der Vorstellungskraft anfabuliert.
Denn so harmlos-naiv die Geschichte des Zoo-Flusspferdes auf Wanderschaft daherkommt, so hintergründig ist die Botschaft des schmalen Buches: Die Erwachsenen, denen Señor H begegnet, sind derart mit sich selbst und ihren Belangen beschäftigt, dass sie die Fähigkeit verloren haben, die Welt um sie herum wahrzunehmen, wie sie ist. Sie können weder staunen noch entdecken sie die Chance auf etwas Neues, selbst wenn es gleich vor ihrer Nase geschieht. Stattdessen sind sie gefangen in allzu starren Konventionen, von denen sie sich durch nichts und niemanden abbringen lassen. Ganz anders die Kinder, die in der Begegnung mit Señor H das Potenzial erkennen, eine Menge Spaß miteinander zu haben. Der wahre Held jedoch ist das Nilpferd selbst, das sich durch nichts aus der Fassung bringen lässt und unverbrüchlich an sich und seinen Weg glaubt. Selbst als das Scheitern droht, verliert Señor H nicht den Mut, sondern vertraut fest auf eine zweite Chance.
Eine Chance auf dem deutschen Markt hätte auch die charmante, humorvolle Geschichte von Señor H durchaus verdient. Groß ist allerdings die Gefahr, dass es diesem Buch ebenso ergeht wie seinem Protagonisten und nicht gesehen wird, was nicht in den Rahmen passt. Denn vom Mainstream im Segment für Erstleser weicht El Señor H mit seinem klaren Bekenntnis zur Magie der Fantasie, des Absurden und des Humors sichtlich ab. Wer sich jedoch auf Daniel Nesquens Geschichte einlässt, kann einerseits herzhaft lachen und andererseits über die mit Blindheit geschlagenen Erwachsenen sinnieren.