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Der Traum der Farringdon Road
Bücher von spanischen Verlagen und spanischen Literaturagenturen mit verfügbaren Übersetzungsrechten für den deutschen Sprachraum.
Autor: Antoni Vives
Verlag: RBA La Magrana, 2010, 480 S.
Genre: Literatur
Gutachterin: Ursula Bachhausen
Antoni Vives‘ packendes, im Spanischen Bürgerkrieg angesiedeltes Debüt El somni de Farringdon Road [Der Traum der Farringdon Road] verquickt geschickt die Ingredienzen des klassischen Liebes- und Abenteuerromans mit historischen Fakten und den großen Debatten der Zeit. Entstanden ist ein atmosphärisch dichtes, bildgewaltiges Epos, das jede Form von Extremismus gleich welchen Ursprungs ächtet und stattdessen an den großen Traum von einem menschenwürdigen Leben in Freiheit erinnert.
Der 1965 in Barcelona geborene Politiker Antoni Vives wurde vor kurzem zum stellvertretenden Bürgermeister Barcelonas ernannt. Mit El somni de Farringdon Road legt der Autor nach mehreren Essaybänden ein bei der Kritik wie beim Publikum beachtetes Romandebüt vor, das als bester katalanischer Roman des Jahres 2010 mit dem Premi Crexells ausgezeichnet wurde. Derzeit arbeitet Vives an einem neuen, in der Nachkriegszeit angesiedelten Roman.
London in der Gegenwart: Die Touristen Víctor und Marta wollen die Marx Memorial Library in der Farringdon Road besuchen, in der einst die britischen Kombattanten der Internationalen Brigaden rekrutiert wurden. Dort empfängt sie eine alte Frau mit den Worten, sie habe die beiden längst erwartet. Nach geheimnisvollen Andeutungen darüber, dass sie Víctors Großvater gekannt habe, übergibt sie ihnen Dokumente, die Víctor mit Interesse verschlingt.
Barcelona 1934: Mehr aus Zuneigung zu seinem Freund Joan denn aus politischer Überzeugung übernimmt der aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammende, junge Anwalt Pau Capdevila die Verteidigung angeklagter Gewerkschaftler. Anders als der Anarchosyndikalist Joan ist Pau unpolitisch. Als er sich nach einer Tuberkuloseerkrankung für eine Weile in einem Dorf am Ebro niederlässt, erlebt Pau die einander unversöhnlich gegenüber stehenden politischen Lager erstmals aus nächster Nähe: Nur hundert Meter liegen zwischen den Stammlokalen der Linken und der Rechten und doch trennen sie Welten.
In der Tochter des Großgrundbesitzers Soler findet Pau seine große Liebe. Marta erwidert seine Gefühle, ist jedoch bereits verlobt. Eine Weile gelingt es den Liebenden, ihre Beziehung geheim zu halten, doch bald darauf muss Pau nach einem von Martas Verlobten angezettelten Mordanschlag fliehen.
Letztlich verhindert allerdings der Ausbruch des Bürgerkrieges ein Happy-End für das Paar. Pau kämpft zunächst in Barcelona gegen die Putschisten, bis er angesichts der Lynchmorde eines entfesselten Mobs entsetzt die Waffen niederlegt. Marta wiederum flieht nach der Erschießung ihres Vaters und Bruders mit ihrem Verlobten Lluís zu dessen Verwandten auf die andere Seite der Front nach Zaragoza.
Widerwillig, jedoch voller Hoffnung, auf diese Weise nach Zaragoza zu gelangen und Marta wiederzufinden, schließt sich Pau den republikanischen Milizen an. Als Übersetzer des Anarchistenführers Durruti erlebt er die Propagandaschlacht um die Meinung der internationalen Presse, aber auch, wie schlecht ausgerüstete Milizionäre im Kampf gegen militärisch übermächtige Gegner verheizt werden, wie sich im Hinterland Arbeiter- und Bauernräte bilden, wie Eigentum kollektiviert und dabei so manches dunkle Geschäft betrieben wird. Auch auf Seiten der Anarchisten gilt Ideologie alles, die Würde des Einzelnen jedoch nichts. Marta lebt derweil im Haus von Lluís’ Tante, in dem geistliche Würdenträger und führende Militärs ein und aus gehen. Über Mittelsmänner gelingt es ihr, insgeheim mit Pau in Kontakt zu treten.
An der Front kommt es zum Bruch zwischen Pau und dem fanatisierten Joan. Aus Freundschaft wird erbitterte Feindschaft. Als eine verirrte Kugel Joans, die eigentlich Pau galt, Durrutis Tod zur Folge hat, muss Pau untertauchen. Er nimmt die Identität des gefallenen Albaners Viktor Rama an und sucht Zuflucht in den Reihen der Internationalen Brigaden. Sein Ziel ist nach wie vor Marta, doch der Kontakt mit den Freiwilligen aus aller Welt, die voller Idealismus Freiheit und Menschenwürde verteidigen wollen, verändert den unpolitischen Pau. Er erkennt, dass auch er Position beziehen muss.
Die Gelegenheit dazu erhält er nach vielen Wendungen mit Kriegsgefangenschaft, Flucht, einer neuerlichen Begegnung mit Marta, die ihn tot glaubte und inzwischen mit Lluís verheiratet ist, Intrigen an der Heimatfront und zahlreichen Kämpfen: Am Ende des Romans treffen Lluís und Pau in der kriegsentscheidenden Schlacht am Ebro aufeinander. Der verletzte Lluís liegt im Schussfeld zwischen den gegnerischen Linien und wäre für Pau ein leichtes Ziel. Doch der Traum der Farringdon Road, der seine Kameraden beflügelt hat und von einem Leben in Würde handelt, ist nun auch sein Traum geworden. Er verschont den Gegner.
Erzählt wird der packende und temporeiche Roman wechselweise von dem Ich-Erzähler Pau und einem auktorialen Erzähler, der Martas Erlebnisse in Zaragoza beschreibt. Dabei gelingt es dem Autor eindringliche, plastische Szenen heraufzubeschwören, die den Leser mitten ins Geschehen ziehen. Geschickt platzierte Cliffhanger halten den Spannungsbogen bis zum Ende kontinuierlich hoch. Dabei ist der Roman bis in kleinste Details – etwa den Problemen britischer Interbrigadisten, die in der Schlacht von Jarama versehentlich mit falscher Munition ausgestattet wurden - außerordentlich gut recherchiert. Das Zusammentreffen der fiktiven Figuren mit realen historischen Persönlichkeiten wie Simone Weil, Ernest Hemingway, Buenaventura Durruti, katalanischen Intellektuellen wie Josep Maria Sagarra und Carles Riba oder den Interbrigadisten Tom Wintringham und Harold Fry schafft zusätzlich Authentizität.
Für die konsequente Verwendung des Kastilischen in den Dialogen der aufständischen Militärs und der Zaragozaner Gesellschaft müsste in einer Übersetzung eine Lösung gefunden werden, die die Wirkung des Sprachwechsels angemessen, aber unaufdringlich wiedergibt. Auch kommt Martas Weigerung, in diesem Kontext Spanisch zu sprechen, einem politischen Statement gleich, das dem Leser des Originals unmittelbar einleuchtet, einem deutschen Leser jedoch anderweitig näher gebracht werden muss.
Mitunter ist der Stil des konventionell erzählten Romans redundant, mitunter geraten der Ton und die Heldenhaftigkeit der Kombattanten ein wenig pathetisch. Vives gelingt es allerdings immer wieder, sich zurückzunehmen, wenn sich allzu großes Pathos einschleichen will.
Alles in allem ist El somni de Farringdon Road ein spannender, gut lesbarer Unterhaltungsroman im zeithistorischen Gewand, der sich unbedingt zur Übersetzung empfiehlt. Hilfreich für das ungetrübte Verständnis wäre allerdings ein erläuterndes Glossar und ggf. eine Zeittafel, da der Verlauf des Bürgerkriegs und die politische Herkunft der Konfliktbeteiligten sicher nicht allen deutschen Lesern geläufig sind.