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Fiesta en la madriguera

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Autor: Juan Pablo Villalobos

Verlag: Anagrama Barcelona 2010, 105 Seiten

GutachterIn: Carsten Regling

In seinem Debütroman gibt der 1973 im mexikanischen Guadalajara geborene Juan Pablo Villalobos auf unterhaltsame und phantasievolle Weise Einblicke in das Leben und die Vorstellungswelt des Kindes eines mächtigen Drogenbosses und behandelt auf humorvolle und zugleich abgründige Weise die Themen Drogenhandel und Gewalt, mit denen sich das Kind auseinandersetzen muss.

Der Protagonist (und Ich-Erzähler) des Romans ist der etwa acht- bis zehnjährige Tochtli, der gemeinsam mit seinem Vater Yolcaut und einer Reihe von Bediensteten und Vertrauten seines Vaters in einem riesigen, festungsartigen Gebäude lebt: Cinteotl, der Köchin, den beiden Wachleuten Miztli und Chichikuali, dem Hausmädchen Itzpapalotl, dem Gärtner Azcatl, dem stummen Tierpfleger Itzcuatli, Quecholli, der Geliebten des Vaters, und Mazatzin, einem Freund seines Vaters und Tochtlis Privatlehrer.

Tochtli, der ohne Mutter aufwächst, liebt Samuraifilme und besitzt eine riesige Hutsammlung und einen Privatzoo mit verschiedenen exotischen Tieren. Sein schwerreicher, aber ständig in Angst lebender Vater liest ihm jeden Wunsch von den Augen ab. Der Junge lebt in einer Art goldenem Käfig, umgeben von Luxus, abgeschottet vom Rest der Welt, ohne gleichaltrige Freunde. Das Fernsehen und sein Privatlehrer Mazatzin stellen seinen einzigen Kontakt zur Außenwelt dar. Von Mazatzin, einem verhinderten Schriftsteller, großen Verehrer des japanischen Kaiserreiches und überzeugten Antiimperialisten, bezieht Tochtli sein Wissen über japanische Samurais, die mexikanische Geschichte, die französischen Könige und die Technik der Guillotine, die er immer wieder mit den aus seiner Sicht in Mexiko üblichen Todesarten (Schüsse, Verstümmelungen durch Machetenhiebe) vergleicht. Mazatzin ist, mehr noch als sein eigener Vater, Tochtlis wichtigste Vertrauensperson, obwohl auch der weise Hauslehrer nicht von den spöttischen, neunmalklugen Kommentaren des frühreifen Jungen verschont bleibt.

Eines Tages wünscht sich Tochtli ein liberianisches Zwergflusspferd für seinen Privatzoo. Er ist es gewohnt, dass sein Vater ihm auf der Stelle jeden seiner Wünsche erfüllt, doch diesmal scheint es etwas komplizierter zu sein. Erste Zweifel an der Allmacht des Vaters kommen auf, und als Tochtli auch noch entdeckt, dass sein Vater eine riesige Waffensammlung in einem der leer geglaubten Räume vor ihm verborgen gehalten hat, regt sich zaghafter Widerstand in dem Jungen. Er beschließt, so lange zu schweigen, bis er bekommt, was er will. Schließlich gibt sein Vater nach und organisiert eine Reise nach Liberia, von der der zweite Teil des Romans handelt. Da Tochtlis Vater als Drogenhändler international gesucht wird, reisen Vater, Sohn und Mazatzin mit gefälschten honduranischen Pässen (und vermeintlich typisch honduranischen Namen: Winston López, Junior López und Franklin Gómez) nach Monrovia. Während einer Safari entdecken sie tatsächlich zwei Zwergflusspferde, die auf dem Schiffsweg nach Mexiko gebracht werden sollen. Doch noch im Hafen von Monrovia verenden sie elendig in ihren Käfigen und werden vor den Augen des Jungen in einer bewegenden, blutigen Szene erschossen. Tochtli muss sich von dem Gedanken, ein liberianisches Zwergflusspferd zu besitzen, verabschieden. Zurück in Mexiko (dem dritten Teil des Romans) wendet er sich verstärkt der Tradition der Samurais zu und beginnt, als solcher verkleidet durch den „Palast“ zu laufen. Plötzlich verschwindet Mazatzin, sein Lehrer; wenig später erscheint in der Presse eine große Reportage über Yolcaut und seine Geschäfte und das Leben im Palast des Drogenbosses. Es ist offensichtlich, dass der Artikel von Mazatzin stammt, der Tochtli so viel über den Ehrenkodex der Samurais gelehrt und ihn jetzt gewissermaßen verraten hat. Die Realität, die im Falle eines Drogenclans aus Gewalt und Verrat besteht, dringt zunehmend in das Bewusstsein des Jungen. Als am Ende des Romans zwei Kisten mit den präparierten Köpfen der beiden Flusspferde im Palast eintreffen, scheint die Welt des Jungen jedoch wieder in Ordnung. Wenn jetzt noch die bestellten Kronen für die Flusspferdköpfe kommen, steht einer großen Feier mit seinem Vater nichts mehr im Wege.

Villalobos gelingt es meisterhaft, sich in die Gedankenwelt eines frühreifen, verwöhnten Jungen hineinzuversetzen und diese mittels einer klaren, einfachen Sprache und kurzer, prägnanter Sätze bildhaft darzustellen. Der humorvolle, aus einer kindlich-naiven Perspektive erzählte Roman offenbart auf den zweiten Blick großen Scharfsinn, Ironie, aber auch Tragik angesichts der Gewalt und Grausamkeit, mit der der Junge konfrontiert ist. Auch wenn dies alles noch ein Spiel für ihn zu sein scheint, so schimmert die harte Realität des Drogenhandels, der Gewalt und der Korruption, mit der sich die mexikanische Gesellschaft auseinandersetzen muss, überall durch. Villalobos´ bitterböser Roman sprüht nur so vor amüsanten, geistreichen Einfällen und Gedanken, auch wenn einem das Lachen manchmal im Halse stecken bleibt, etwa wenn Vater und Sohn ihr heiteres Ratespiel machen, welche Bereiche des Körpers getroffen werden müssen, damit Schüsse tödlich sind.

Der Roman ist unbedingt für eine Übersetzung ins Deutsche zu empfehlen, da er ein schwieriges aktuelles Thema wie den Drogenhandel und die damit verbundene Gewalt (ein Thema, das nicht nur Mexiko betrifft) auf eine ungewöhnliche, phantasievolle, lustig-ironische und äußerst kurzweilige Art thematisiert.

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