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UN MOMENTO DE DESCANSO (EIN MOMENT DER RUHE)

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Autor:               AntonioOrejudo

Verlag:              Tusquets Ediciones, 2011, 241 S.

Genre:              Literatur

Gutachterin:    Silke Kleemann

 

Sprachgewaltiger und kritisch-ironischer Roman über die Verhältnisse an den spanischen Unis, der auch die Frage nach Gewissheit und Wahrheit überhaupt stellt, in literarischen Texten wie im Leben. Spannende, sehr unterhaltsame und literarisch wunderbar umgesetzte Handlung mit eindrücklichen Charakteren - unbedingt zur Übersetzung zu empfehlen.

Antonio Orejudo tritt in seinem Roman "Un momento de descanso" mit seinem eigenen Namen und unter Anleihe einiger biographischer Daten als Ich-Erzähler auf. Die Handlung startet mit einer Wiederbegegnung: Nach 17 Jahren trifft er im Jahr 2009 auf der Buchmesse in Madrid unterwartet Arturo Cifuentes wieder, mit dem er in Madrid Spanische Philologie studiert und anschließend gemeinsam in den USA doktoriert hatte. Cifuentes tritt mit einem Anliegen an den Ich-Erzähler heran: Er möchte ihren ehemaligen Gönner demontieren, Augusto Desmoines, den - fiktiven - Gründer ihrer Universität, der sie im Studium betreut und ihnen auch die Stellen in den USA beschafft hatte. Inzwischen ist sein Sohn, Virgilio, Rektor der Universität, laut Cifuentes ebenso verlogen, korrupt und skrupellos bis brutal wie sein Vater.

Bevor diese Absicht aber enthüllt wird, erzählt Cifuentes dem Ich-Erzähler (bzw. dieser durch ihn) auf den knapp 100 Seiten des ersten Teils (Ein Geist erscheint), wie seine Existenz als Uni-Dozent in Missouri mit Frau und Kind gescheitert ist. Die Frau hat ihn betrogen, den Uni-Job hat er aufgrund der hartnäckigen Kampagne einer farbigen Studentin, die ihn des Rassismus bezichtigte, aufgegeben, sein leicht zurückgebliebener Sohn Edgar wurde dank seines überdurchschnittlich großen Geschlechts zum Pornodarsteller etc. ...

Der zweite Teil (Wie ich Schriftsteller wurde) beginnt mit der Lebensgeschichte der Demoines, erzählt vom Ich-Erzähler, gemischt mit den Theorien und Recherchen von Cifuentes, die aberwitzige Abgründe in der Biographie aufweisen. Dazwischengeschaltet die Erinnerungen des Erzählers, der skeptisch ist und das Gehörte mit seinen eigenen Erfahrungen abgleichen möchte. Dabei kommt auch heraus, dass er selbst in den USA gegen Geld an Forschungen für medizinische Produkte teilnahm - darunter auch eins, das sein Denken für immer prägen sollte: Fortan hatte er machtvolle und teils gewaltsame Phantasien oder auch Intuitionen und konnte nicht mehr sagen, was die wirkliche Wirklichkeit ist. Aus dieser Not machte er auf Vorschlag eines der Forscher eine Tugend: Er machte Bücher aus diesen Trips und wurde so tatsächlich zu einem erfolgreichen Schriftsteller.

Im Teil Drei (Das Glück des ausgeruhten Mannes) wird es immer aberwitziger: Cifuentes führt Zeugen für die vorgeblichen Vergehen von Desmoines' an. Ein Dozent, der sich erhängt hat, nachdem er mit seiner eigenen Kampagne gegen Desmoines keinen Erfolg hatte - ein besonders Leidtragender, da Desmoines in den Wirren der Bürgerkriegszeit (und auf Seiten der Nationalisten) seinen Vater ermorden ließ (den eigentlichen Gründer der Uni), weil er eine Affäre mit der Mutter eingehen wollte. Und eine der Professorinnen, die überhaupt dafür gesorgt hatte, dass besagter Dozent gegen den Willen der Desmoines eine Stelle bekommen hatte - inzwischen residiert sie in einem psychiatrischen Krankenhaus.

Der Ich-Erzähler steht diesen ganzen Recherchen reserviert gegenüber, meldet sich daher auch länger nicht bei Cifuentes. Zu seiner milden Überraschung erhält er einige Monate später eine Einladung von der Uni zur Antrittsvorlesung des neuen Professors für Spanische Literatur: Arturo Cifuentes. Er geht hin, redet auch mit Cifuentes - der hat sich offensichtlich kaufen lassen und seinen Plan, die Desmoines zu demontieren, aufgegeben zugunsten der lukrativen Professur. Im Gespräch mit dem Erzähler rechtfertigt er sich, zum ersten Mal in seinem Leben sei er nicht integer, erlaube sich einen Moment des Ausruhens und sei sehr glücklich. Der Erzähler verdammt ihn nicht ... die Schlusspointe ist jedoch, dass er - um auch sich einen Moment der Ruhe zu gönnen, und als ersten kleinen Verrat, den er in seinem Leben begeht - entgegen seines Versprechens das literarische Produkt zu veröffentlichen, das aus seiner Wiederbegegnung mit Cifuentes, dessen Erzählung, den Recherchen und seiner skeptischen Reaktion darauf entstanden ist ... le voilà!

Antonio Orejudo ist ein ebenso skurriler wie fesselnder Roman gelungen. Er erzählt wunderbar, der Inhalt komplex verwickelt, eine Mischung aus Erzähltem und Beurteilungsvarianten, ohne Angst vor Tabus und gelegentlich mit sehr gewaltvollen oder quasi pornographischen Passagen, die aber trotzdem innerhalb des allgemein ironischen Tonfalls bleiben. Sprachlich ist er ebenso gewandt und orginell, ein ganz eigener Stil, oft eng an mündliche Rede angelehnt, furios der Einstieg - die Wiedergabe des Dialogs mit der wörtlichen Rede vorangestellten "Digo" bzw. "Dice" - ein Effekt, der einer stark markierten indirekten Rede im Deutschen gleichkommt und den ich in spanischen Texten selten so gesehen habe.

Am besten hat mir der erste Teil gefallen, die Geschichte von Cifuentes und seiner Frau Lib, vor allem aber die große Liebe, die Cifuentes zu seinem Sohn Edgar empfindet. Teil Zwei und Drei sind deutlich skurriler, es explodiert die Vorstellungskraft - durchaus ja so, wie der Erzähler es durch die Medikamenteneingabe beschreibt. Ein harscher und amüsanter Hieb gegen die Provinzialität und Korruption der spanischen Universitäten, der durch die Verbindung mit Schauplätzen in den USA nicht zu Insider-mäßig wird. Überbordend und sprachgewaltig - ein Autor, der auf jeden Fall auch auf Deutsch weiter zu lesen sein sollte!

Von Antonio Orejudo ist im Jahr 2006 in Deutschland - mit guten Kritiken - bereits "Der Feuertäufer" erschienen, beim Knaus Verlag in Übersetzung von Christian Hansen.

  • UN MOMENTO DE DESCANSO
    UN MOMENTO DE DESCANSO
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