Graphic Novels – Eine neue Form des Comics?

von Heiner Lünstedt

Was in den USA schon sehr viel länger gang und gäbe ist, wird in den letzten Jahren auch in Europa erfolgreich praktiziert. Während Buchhandlungen ansonsten kaum Comics im Angebot hatten, werden dort plötzlich sehr erfolgreich sogenannte “Graphic Novels“ angeboten. Es herrscht seitdem der Irrglaube, Graphic Novels und Comics seien zwei paar Schuhe. Doch längst nicht jeder Comic ist eine Graphic Novel, aber jede Graphic Novel ist ein Comic. Ähnlich wie die ersten Kinofilme waren auch die Comics in ihren Kindertagen in erster Linie komisch, doch mittlerweile ist das Angebot genauso vielfältig wie in jeder anderen Kunstgattung. Comics erzählen nicht nur Komödien, sondern z. B. auch Abenteuer, Dramen und Biographien.  

Den Begriff “Graphic Novel“ hat der wohl bedeutendste US-Comickünstler Will Eisner geprägt. Dieser revolutionierte bereits in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts mit seinen Spirit-Kurzgeschichten (erschienen bei Salleck) das Medium inhaltlich und formal. Zugleich zeichnete Eisner aber auch lehrreiche Comics für die US-Army. Angeregt durch die neue Wege beschreitenden Underground-Comics machte sich Eisner daran ebenfalls Comics zu erzählen, die sich an ein erwachsenes Publikum richten. Um damit nicht nur die Comicfans zu erreichen, sondern auch einen “richtigen“ Buchverlag begeistern zu können, erfand er den Begriff “Graphic Novel“.

Eisners 1978 erschienener Comicband Ein Vertrag mit Gott (Carlsen) ist die erste Graphic Novel. Bereits hier passt dieser Begriff nur bedingt. Genau genommen handelt es sich nicht um einen “gezeichneten Roman“ sondern um eine lose durch die Örtlichkeit (ein Mietshaus in New York) zusammenhängende Sammlung von vier Kurzgeschichten. Ein Vertrag mit Gott wurde zu einem Erfolg und machte es möglich, dass weitere Comics wie etwa Maus - Art Spiegelman erzählt in diesem mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Werk in Form einer Tierfabel wie sein Vater den Holocaust überlebte - ein breites Publikum erreichten.

In den USA war die Verwendung des Begriffes “Graphic Novel“ durchaus hilfreich, um klarzustellen, dass jenseits der durch Superhelden-Geschichten dominierten “Comic Books“ auch noch ganz andere Geschichten erzählt werden können. In Europa schien dies nicht wirklich notwendig zu sein, denn hier gab es schon länger Comics für erwachsene Leser. Dabei wurde “erwachsen“ gelegentlich mit “gewalttätig“ oder “sexistisch“ verwechselt, doch erstaunlich oft sprachen vor allem frankobelgische Comics wie Asterix oder Leutnant Blueberry alle Altersklassen an. In der Regel erreichten “erwachsene“ Comics allerdings nur jene Leser, die bereits in ihrer Jugend Comics gelesen haben. Zu den nicht nur in Fachhandlungen erhältlichen und nicht nur bei Comicverlagen veröffentlichten Graphic Novels hingegen greifen auch Comic-Novizen. 2005 veröffentlichten in Deutschland die Bild-Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Zeitung zeitgleich die Reihen “Bild-Comic-Bibliothek“ bzw. “Klassiker der Comic-Literatur“. Obwohl hier populäre Titel wie Asterix, Donald Duck oder Superman vertreten waren, blieb ein nachhaltiger Erfolg aus. Die in diesem Jahr erschienene 10-bändige Reihe “Graphic Novel Highlights der neuen Süddeutschen Zeitung Bibliothek“ hingegen verkaufte sich so gut, dass sie fortgeführt wird.   

Doch was ist eigentlich eine Graphic Novel? Dies liegt ein wenig im Auge des Betrachters, klar scheint nur zu sein, was eine Graphic Novel nicht ist. Sie ist keine Zusammenstellung von kurzen Gagstrips, kein einzelnes Album einer Erfolgsserie, keine Short Story (sondern anscheinend mindestens vier davon) und es treten in der Regel keine Superhelden darin auf. Graphic Novels haben zumeist einen Umfang von mindestens 100 Seiten, farbige Bilder sind nicht unbedingt vonnöten, vom Zeichenstil her gibt es keine Einschränkungen und allzu groß sollte das veröffentlichte Format nicht sein, um eine gute Platzierung im Buchhandel zu gewährleisten. Soviel zur Form, doch wie schaut es mit den Inhalten aus? Martina Knoben definierte in der SZ im Einführungsartikel zur hauseigenen “Graphic Novel Bibliothek“ das Genre recht treffend wie folgt: “Der Begriff steht für “anspruchsvolle“ Comics, die komplexe, oft autobiografisch inspirierte Geschichten erzählen und mit den ästhetischen Möglichkeiten des Mediums experimentieren.“

Comics in Spanien

Im Gegensatz zu Deutschland, wo Comics erst nach dem Zweiten Weltkrieg richtig Fuß fassten (und Jugendschützer, aber kaum erwachsene Leser erreichten), erfreute sich das Medium in Spanien schon sehr viel früher großer Beliebtheit. Bereits 1917 erschien mit TBO das erste Comicmagazin und auch die Sprechblasen konnten sich in Spanien sehr viel schneller durchsetzen als etwa in Italien, wo diese noch sehr viel länger durch Reime ersetzt wurden, die unterhalb der Zeichnungen platziert wurden. Comics wurden sehr populär und für spanische Zeichner war es nicht eben einfach sich gegen preiswert eingekaufte ausländische Comics durchzusetzen. Ganz große internationale Erfolge von spanischen Comics wieClever & Smart(Mortadelo y Filemón) von Francisco Ibañez sind eher die Ausnahme.

Auch heute fällt in Spanien auf, wie viele internationale (und im Vergleich zu Deutschland in sehr hoher Auflage erscheinende) Comics dort vorliegen. Einheimische Comiczeichner hingegen suchen eher den Erfolg im Ausland, etwa im Bereich der US-Superhelden (Carlos Pacheco, Guillem March) oder in Frankreich (Blacksad von Juanjo Guarnido & Juan Diaz Canalez, Jazz Maynard von Raule & Roger), um dann reimportiert zu werden.

Auch für den Galicier Miguelanxo Prado war der internationale Erfolg seines Meisterwerks Kreidestriche sehr wichtig und sicherte ihm kreative Freiheit. Prado veranstaltet seit 1998 alljährlich in seinem Heimatort A Coruña das Comicfestival Viñetas Desde O Atlántico. Hier werden sowohl einheimische als auch internationale Künstler durch Ausstellungen präsentiert und der Nachwuchs gefördert. Wie wichtig in diesem Zusammenhang Festivals sind, zeigt die Partnerschaft zwischen Viñetas Desde O Atlántico und dem Comicfestival München. In der bayerischen Metropole wurde Spanien als Gastland des Festivals präsentiert. Dies hatte den Nebeneffekt, dass der dort neben Prado, Guarnido, Roger und March präsentierte Nachwuchszeichner Dani Montero für seinen Comic Sin mirar atráseinen deutschen Verleger fand. Die Edition 52 veröffentlichte das Werk unter dem Titel Kein Blick zurück.     

Gibt es länderspezifische Graphic Novels?

Die Antwort auf diese Frage dürfte ja und nein lauten. Genau wie in Deutschland, wo nationale Thematiken (etwa die von Peer Meter getexteten “Mörderballaden“ Gift und Haarmann, die in Bremen bzw. Hannover spielen), deutsche Geschichten mit internationalem Appeal (Arne Bellstorfs Baby's in Black: The Story of Astrid Kirchherr and Stuart Sutcliffüber die frühen Jahre der Beatles in Hamburg) und völlig “undeutsche“ Comics (Reinhard Kleists Biographien zu Fidel Castro und Johnny Cash) gleichberechtigt nebeneinander in den Regalen stehen, verhält es sich auch in Spanien.

Die Vielfältigkeit der spanischen Comicszene lässt sich anhand von drei Beispielen aus der Herbstausgabe von New Spanish Books 2011 untermauern, allesamt äußerst empfehlenswerte Graphic Novels, die noch auf einen deutschen Verleger warten.

DublinésGänzlich “unspanisch“ kommt Dublinés von Alfonso Zapico daher, denn im Zentrum des Geschehens steht der irische Nationaldichter James Joyce, dessen Biographie keine Schnittmenge zu Spanien aufweist. Die Lektüre seiner nicht eben dünnen übersetzungsresistentenWerke Ulysses und Finnegans Wakegilt selbst bei abgebrühten Literaturfreunden als Mutprobe. Bezeichnenderweise benannte Zapico seinen Comic nach Joyces deutlich zugänglicherer Geschichtensammlung Dubliners und wählte auch noch einen nur auf den allerersten Blick unpassenden knuffigen “Funny-Zeichenstil“. Doch die akkurat wiedergegebenen Örtlichkeiten und die liebevoll karikierten Personen laden ein zur Lektüre, aber auch zur Beschäftigung mit dem komplizierten Leben und Werk von James Joyce.
   

LA HUELLA DE LORCAEin sehr viel nationaleres Thema behandelt hingegen der Zeichner Carlos Hernández mit Unterstützung des sich selbst als “Doktorvater“ bezeichnenden Autors El Torres. La huella de Lorca erzählt in 12 Episoden aus dem Leben des spanischen Dichters und Schriftstellers Federico García Lorca (Bluthochzeit). Hernández nimmt sich dabei große Freiheiten und lässt seinen Vater Alfonsito in einer erfundenen Rahmenhandlung auftreten. Im Gegensatz zu Alfonso Zapico in Dublinés erzählt dieser Comic keine straighte Biografie, sondern setzt sich unchronologisch verspielt mit dem Leben von Lorca auseinander. Hernández begründet dies damit, dass über Lorca “schon alles gesagt und sein Leben allen bekannt sei“. Dies ist bei uns sehr viel weniger der Fall. Doch der in einem sehr schönen holzschnittartigen Stil in schwarzbraunen Farben gezeichnete Comic könnte hier Abhilfe schaffen, zumal auch noch prominente “Gaststars“ wie Salvador Dalí oder Luis Buñuel auftreten.     

Barcelona TMDie Anthologie Barcelona TM dürfte auch für Nichtspanier ähnlich faszinierend wie die brodelnde Metropole sein, in der die 27 Kurzgeschichten des Sammelbandes angesiedelt sind. Zwar sind Projekte mit Comics zu ausgewählten Städten nichts Neues, das deutsch-schweizer Comicmagazin Strapazin etwa veröffentlichte schon einige städtebezogene Ausgaben und der Ehapa Verlag versuchte sich eher erfolglos an Comicbänden zu Köln und München. Doch schon beim ersten Durchblättern von Barcelona TM ist zu spüren, dass die 33 beteiligten Künstler, die regelmäßig bei gemeinsamen Mahlzeiten brainstormen, jeweils ganz verschiedene Ansatzpunkte fanden, um über die Stadt, in der sie leben und arbeiten, zu erzählen, ohne ständig die dekorative Gaudí-Karte auszuspielen. Hinzu kommen noch ungewöhnliche Kreativ-Kombinationen wie etwa die beiden begnadeten Zeichner Jordi Lafebre und Roger Ibáñez, die für die StoryMy Favourite Thing einen interessanten gemeinsamen Stil fanden.

Diese drei auf höchst unterschiedliche Art gelungenen Comics zeigen, dass im spanischen Comic nahezu alles möglich ist, und sie würden jedem Verlagsprogramm zur Zierde gereichen.

_________________________________________________________________________

Zum Autor:

Heiner Lünstedt ist Comicfachjournalist und schreibt u. a. für die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG und DIE SPRECHBLASE. Er betreibt die Webseite www.highlightzone.de, auf der er über neue Comics, Filme, DVDs, Bücher und CDs berichtet, und seine Kritiken erscheinen auch regelmäßig im Stadtmagazin IN MÜNCHEN. Ferner ist er als freier Autor tätig. Er schrieb die Komödie «Teilweise mit gemütlicher Dachschräge» sowie die Comicserie «Die Weltenbummler» (Carlsen). Gemeinsam mit Christoph Schöne kreierte er den Strip «Der lustige Berber», der im Münchner Straßenmagazin BISS erschien. Außerdem leitet er gemeinsam mit Michael Kompa das COMICFESTIVAL MÜNCHEN und organisiert die Veranstaltung COMIC CAFE.