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PAÍS DE LLOPS (LAND DER WÖLFE)

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Autor:               Xavier Vernetta

Verlag:              Raval Edicions SLU, Proa, 2010, 245 S.

Genre:              Literatur

Gutachterin:    Kirsten Brandt

 

Das Buch ist, wie auf der Titelseite angekündigt, ein Roman über „die Gewinner des Bürgerkriegs“, eine Gruppe von in der franquistischen Gesellschaft bestens etablierten Männern, die im Barcelona der sechziger Jahre in einer geschickt eingefädelten und raffiniert erzählten Intrige alte Rechnungen miteinander begleichen, gemäß der Devise „Der Mensch ist des Menschen Wolf“.

Xavier Vernetta (Jahrgang 1956) ist vor allem als Kinder- und Jugendbuchautor tätig. País de llops ist sein dritter Roman für Erwachsene.  

Zu Beginn des Romans lernt der Leser die Protagonisten kennen, ohne anfangs zu verstehen, in welchem Zusammenhang sie stehen: den Journalisten Celestino Sánchez-Pereda, dessen Gesellschaftskolumnen über Helden des Franquismus allgemein beliebt sind, seinen Freund Emilio Baqués, Hauptmann der Militärpolizei, und Oberst Manuel Asensio, Pate von Sánchez-Pereda, ein Lebemann und Frauenheld.

Außerdem taucht „Paco“ auf, ein ehemaliger Fremdenlegionär und versoffener Obdachloser. Er führt ein Tagebuch, dessen Einträge jeweils die Kapitel des Romans beschließen. Mit dem Mord an Paco beginnt der Roman, die eigentliche Handlung setzt aber ein halbes Jahr vor diesem Mord ein und lässt sich zunächst eher harmlos an: Der letzte der Protagonisten, ein Industrieller namens Carles Maria Rovirosa, entdeckt, dass Sánchez-Pereda eine seiner Gesellschaftskolumnen der Familie seiner Frau gewidmet hat. Rovirosas Schwiegereltern wurden 1939 auf ihrem Landgut ermordet, offenbar von marodierenden Soldaten der republikanischen Armee, die Leichen wurden von ihren Kindern – Rovirosas Frau Carlota und seinem Schwager und Waffenkameraden Isidre Jubany – entdeckt. Isidre Jubany kam wenige Jahre später bei einem Autounfall ums Leben. Der Zeitungsartikel macht Rovirosa nervös; ihm scheint, dass der Journalist zu viel über seine Familie weiß, und er versucht, ihn mithilfe seines politischen Einflusses mundtot zu machen – allerdings vergebens, da Sánchez-Pereda mächtige Beschützer zu haben scheint.   

In den folgenden Wochen merkt Rovirosa zu seinem Entsetzen, dass ihm auch anderweitig die Kontrolle über sein Leben entgleitet: Seine Tochter Elvira schließt sich an der Universität einer subversiven Gruppierung an und wird von Hauptmann Baqués verhaftet. Zwar erreicht Rovirosa dank seiner Verbindungen ihre Freilassung, doch seine gesellschaftliche und politische Position ist geschwächt. Sein jüngerer Sohn Sixte hat, wie Rovisora im Club von dem ihm bislang unbekannten Oberst Manuel Asensio erfährt, bei diesem immense Spielschulden gemacht, die Rovirosa nun begleichen muss. Das Schlimmste aber ist, dass sein ältester Sohn Isidre, Geschäftsführer des Familienunternehmens, in die Firmenkasse gegriffen hat, um seiner anspruchsvollen Frau den von ihr geforderten Lebenswandel zu ermöglichen. Als das Ganze aufzufliegen droht, nimmt sich Isidre das Leben. Am Tag nach der Beerdigung bekommt Rovirosa in seinem Landhaus Besuch vom Journalisten Sánchez-Pereda, Oberst Asensio und Hauptmann Baqués. Sie wissen, dass er pleite ist, und bieten ihm an, die Aktien eines neu gegründeten Immobiliengeschäfts, das sich Rovirosa als zweites Standbein aufgebaut hatte, unter Preis zu erwerben, sodass er wenigstens seine Fabrik retten kann. Rovirosa ist gezwungen anzunehmen; in der Fabrik allerdings hat inzwischen sein Sohn Sixte die Zügel übernommen.

Erst ganz am Ende klären sich dann die Zusammenhänge auf, die sich im Laufe des Romans allmählich abzeichneten: Rovirosas Schwager Isidre Jubany war ein skrupelloser Mann, der gemeinsam mit Rovirosa 1939 die Ermordung seiner Eltern plante, um in den Besitz des Familienvermögens zu kommen. Die für den Mord gedungenen Männer, unter ihnen der Fremdenlegionär Paco, wurden nach vollbrachter Tat beseitigt – bis auf Paco. Rovirosa versteckte ihn und bezahlte ihn wenige Jahre später dafür, dass er auch Isidre tötete, sodass Rovirosa die Fabrik übernehmen konnte. Sánchez-Pereda, Manuel Asensio und Emilio Basqués hatten Paco im Suff sein Geheimnis entlockt und beschlossen, Rovirosas Besitz an sich zu reißen. Nachdem ihnen dies gelungen ist, töten sie den letzten Mitwisser: den Obdachlosen Paco.

País de llops ist ein äußerst raffiniert gestrickter Roman, der sich erst im Laufe der Geschichte als das entpuppt, was er ist: die Geschichte eines Verbrechens. Unerbittlich zieht der Autor mit zunehmender Enthüllung die Spannungsschraube an, bis der Leser buchstäblich auf der letzten Seite die wahren Zusammenhänge erkennt und am liebsten gleich wieder von vorne anfangen würde, weil er jetzt erst versteht, was zuvor nur angedeutet wurde.

Dazu spielt Vernetta geschickt mit verschiedenen Perspektiven und den begrenzten Informationen und subjektiven Aussagen einzelner Figuren, die auch graphisch unterschiedlich dargestellt sind: den Zeitungskolumnen von Sánchez-Pereda, Pacos Tagebucheintragungen und einem Polizeiprotokoll; ein großartiges Stilmittel, das nur an einigen wenigen Stellen ein wenig erzwungen wirkt, etwa, wenn bei dem Lauschprotokoll die Polizisten immer gerade dann nichts verstehen, wenn wesentliche Informationen ausgetauscht werden, sodass man vieles erahnt, aber nichts erfährt.    

Der Roman ist – ohne dass eine einzige kritische Aussage getroffen würde – eine ätzende Demontage der so genannten „guten“ Gesellschaft im franquistischen Spanien, dem „Land der Wölfe“, zugleich aber auch ein wirklich spannender Krimi. Absolute Empfehlung!

  • País de llops
    País de llops
    Land der Wölfe
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