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Morgen sprachen wir nie mehr davon
Bücher von spanischen Verlagen und spanischen Literaturagenturen mit verfügbaren Übersetzungsrechten für den deutschen Sprachraum.
Autor: Eduardo Halfon
Verlag: Pre-Textos, 2011, 138 S.
Genre: Literatur
Gutachter: Luis Ruby
Das neueste Buch von Eduardo Halfon, dessen Roman El boxeador polaco ("Der polnische Boxer") bereits auf New Spanish Books empfohlen wurde (http://www.newspanishbooks.de/bucher/el-boxeador-polaco), ist eine Sammlung von Kurzgeschichten, die sämtlich im Guatemala der 70er Jahre spielen. Der Erzähler (eine in den Grundzügen dem Autor nahe Gestalt) wächst ziemlich behütet in einer gutsituierten Familie auf. Entsprechend offen kann sich seine Wahrnehmung entfalten, und so mischen sich kindliche Freuden, Ängste, Faszinationen mit Eindrücken von der politischen und gesellschaftlichen Lage.
Halfon verankert diese weitere Dimension stimmig in der naiven Perspektive des Kindes und hält die Erzählung weitgehend von nachträglichen Reflexionen frei. Für den Jungen sind Persönliches und Politisches ein Ganzes mit fast nahtlosen Übergängen: Ein Bruch entsteht erst mit der sich im letzten Kapitel anbahnenden Emigration. Die Lektüre wird durch die sich viel früher andeutenden Spannungen ebenso bereichert wie durch die bruchlose Lebendigkeit des kindlichen Erlebens.
Halfons Ich-Erzähler schildert mit großer Unmittelbarkeit diverse Episoden, etwa vom Vater, der ihn am Strand zurückhält, weil er selbst als Kind fast im Meer ertrunken wäre, oder davon, wie er und sein Bruder nach einem Erdbeben mit dem Staub spielen, der sich überall absetzt, und der Onkel ihn zum Hilfseinsatz in ein Elendsviertel mitnimmt. Er erzählt vom Umgang mit Dienstboten, Fabrikangestellten des Vaters, Eisverkäufern, von einer Tumoroperation und einer Begegnung mit der "Frau in der roten Jacke", die vor Jahren an der Entführung des Großvaters beteiligt gewesen sein soll, vom Eindringen von Soldaten in die Wohnung ebendieses jüdisch-libanesischen Großvaters.
Das Buch schließt mit der Titelgeschichte, die vom Abschied aus dem von bürgerkriegsartigen Auseinandersetzungen gebeutelten Guatemala handelt, als die Familie in die USA emigriert. Im abschließenden Dialog fragt der Erzähler seinen Vater, was ein Guerillero sei. Und stellt fest, dass nicht nur die Guerilla, sondern auch das Militär mit Indios besetzt ist. Darüber könnten sie morgen weiterreden, sagt der Vater: Der kleine Bruder schläft. "Bald war es morgen, und morgen sprachen wir nie mehr davon."
Die kindliche Welt des Erzählers ist eine Welt voller Faszinationen und frei schwebender Aufmerksamkeit, die ebenso einem Feuerwehrhelm gelten kann wie einer Kröte, den Musikern beim sonntäglichen Restaurantbesuch wie der Pistole des Vaters oder einer Sammlung weggeworfener Pornohefte. Die Erinnerungen sind in ihrer Signifikanz literarisch zugespitzt, aber in denkbar unaufdringlicher Weise, und das führt dazu, dass sich die Erfahrungswelt des Jungen gleichzeitig dicht und in einer gewissen Breite vermittelt. Die Reflexion darüber wird dem Leser überlassen. Für mich ergibt sich daraus eine außerordentlich reizvolle Lektüre.
Halfon verwendet eine in weiten Teilen einfache Syntax. Die oft kurzen oder als subtil eindringliche Aufzählungen konstruierten Sätze bilden ein geeignetes Gerüst für präzise und expressive Beschreibungen. Das Ergebnis sind hochatmosphärische Texte, die viel mehr zeigen als sie behaupten.
Im Vokabular scheinen Eigenheiten des guatemaltekischen Spanisch durch, ebenso im Wechsel zwischen vertrauter und förmlicher Anrede (Höflichkeitsform) unter Verwandten. Der kulturelle Transfer wird eine Schwierigkeit der Übersetzung sein, das Bewahren von Subtilität und Suggestivität eine weitere. Empfehlen möchte ich den Titel mit Nachdruck,
* weil die Perspektive eines Jungen im Guatemala der 70er Jahre von unforcierten Einsichten und Einblicken leuchtet
* weil Eduardo Halfon auf die Erfahrungen, die er hier zu Literatur verarbeitet, mit diskreter Hingabe zugreift
* weil er daraus einen sparsamen und präzisen Stil entwickelt, so dass man das Viele, was diese kurzen Episoden zu sagen haben, nicht einfach gesagt bekommt, sondern sprachlich erfahren darf
* kurzum, weil Eduardo Halfon eine wichtige Stimme der (latein)amerikanischen Literatur ist.