Paul Ingendaay, geb. 1961, ist seit 1998 Kulturkorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Spanien. Im Piper-Verlag erschien sein Buch „Gebrauchsanweisung für Spanien“, bei Klett-Cotta gab er den Band „Alle unsere frühen Schlachten: Fußball-Stücke“ von Javier Marías heraus. 2006 erschien sein Roman „Warum du mich verlassen hast“ (SchirmerGraf).
NSB: Sie leben seit über zehn Jahren in Spanien. Hat sich das Land, hat sich vor allem die Kultur oder kulturelle Mentalität in dieser Zeit verändert?
P. I.: Ich glaube schon. Allein deshalb, weil das Land, als ich dort ankam, auf eine über zwanzigjährige Demokratie zurückschauen konnte – doch mittlerweile sind es mehr als dreißig. Das verändert ein Land. Und das heißt, autoritäre Strukturen und unterwürfige Verhaltensweisen, wie Diktaturen sie hervorbringen, nehmen ab. Die Kleinen von heute wachsen freier auf, als es der vor vierzig Jahren geborenen Generation vergönnt war. Die Geschichte verblasst. Allein dadurch ergeben sich Unterschiede. Zugleich kann man aber auch eine allgemeine Verflachung, einen Niveauverlust des kulturellen Milieus beobachten. Das geschieht allerdings nicht nur in Spanien, sondern vermutlich in ganz Europa, womöglich in großen Teilen der Welt. Für die so genannte „ernsthafte“ Literatur wird es schwieriger, Leser zu finden. Es gibt eine wahrnehmbare Sorge um die Alphabetisierung der Bevölkerung. Die jungen Menschen lesen weniger und greifen zu alternativen Medien.
Was das Thema der kulturellen Mentalität angeht, scheint mir, dass sich einige innerspanische Debatten ausmachen und analysieren lassen. Etwa die Diskussion über den Spanischen Bürgerkrieg, die geschichtliche Aufarbeitung, die Exhumierung der noch in Massengräbern liegenden Erschossenen: Sie hat in Spanien im dritten und vierten Jahrzehnt nach Franco noch einmal neue Wendungen genommen. Geschichtsdebatten lassen sich nicht auf eine gewisse „Fälligkeit“ beschränken. Wann es an der Zeit ist, sie zu führen, kann man von außen nicht dirigieren. Solche Debatten formen ein Gemeinwesen über viele Jahrzehnte. Wir müssen wohl von einem historischen Gedächtnis solcher Debatten selbst sprechen; ihre eigene Geschichtlichkeit sorgt für Veränderungen und Perspektivenwechsel. Und es ist vielleicht kein Zufall, dass der Auslöser der neuen historischen Beschäftigung mit dem Franquismus ein Lokaljournalist aus der Provinz León war, der nichts anderes wollte, als seinen Großvater auszugraben. Ein persönliches Bedürfnis, nicht mehr, hat den Stein ins Rollen gebracht. Solche unscheinbaren Figuren können plötzlich zu Gestaltern heranwachsen, weil die entscheidenden Impulse gern von unten kommen – und von den Rändern. Es ist, als wäre der offizielle Geschichtsdiskurs oder die Parteidoktrin – gleich welcher Partei – auf einmal für ungültig erklärt worden.
NSB: Haben sich im Lauf der zehn Jahre, die Sie nun in dem Land leben, auch ihre eigenen Eindrücke geändert. Welche ihrer Erwartungen haben sich bestätigt, welche wurden enttäuscht?
P. I.: Ich fühle mich in Spanien nach wie vor sehr wohl. Und ich weiß auch im zwölften Jahr meines Aufenthalts nicht genau, woran das liegt. Vielleicht ist es ganz allgemein die Mentalität der Spanier. Eine gewisse Fähigkeit zur Freude und zum Überschwang, zur Offenheit, zu Gespräch und unverkrampfter Kommunikation. Das spricht mich an. Offenbar suche ich es. Ein zweites, dahinter liegendes Phänomen ist der Umstand, dass die Spanier mit sich selbst einverstanden sind. Das kann man als selbstzufriedene Nabelschau kritisieren, wenn man möchte. Aber dass ein Land sich selbst mag, sich selbst grundsätzlich bejaht, jedenfalls in der Mehrheit seiner Bürger – das ist für einen Deutschen ein sehr angenehmer Zustand. Es macht ihn leichter und den Schritt beschwingter. Ich selbst habe erst durch das Leben in Spanien begriffen, wie beschädigt die deutsche Identität unserer Generation ist. Hitler hat nicht nur rückwirkend die gesellschaftliche und kulturelle Tradition zerstört, von der Weimarer Republik bis zu Bismarck. Er hat auch 70 Jahre nach vorn die Tradition zerstört. Begriffe wie „Heimat“ oder „Vaterland“ kommen uns schwer über die Lippen. Wie man Fahnen schwenkt, mussten wir uns 2006 von unserer Fußballmannschaft beibringen lassen; es war keine Selbstverständlichkeit. Ich beklage das nicht, sondern versuche lediglich, die Befindlichkeit hinter den deutschen Selbstverständlichkeiten zu ergründen. Deutsche reisen doch mit einer anderen Mentalität, einem anderen Selbstbewusstsein durch die Welt, als die Vertreter anderer Nationen das tun. Obwohl die Spanier eine schreckliche Geschichte von Bürgerkrieg, Diktatur und Unterdrückung hinter sich haben – die allerdings nicht die Dimensionen des Völkermordes angenommen hat –, haben sie es geschafft, das tägliche Leben von der Last der Erinnerung weitgehend freizuhalten. Ich meine damit so etwas Kompliziertes, kaum Greifbares wie die nationale Befindlichkeit. Die Selbstzweifel, die Selbstanklage, die ein Volk eigentlich empfinden müsste, das sich gegenseitig die Köpfe eingeschlagen und vieltausendfach ermordet hat, bevor es sich fast vierzig Jahre in einer Diktatur einrichtete, die heute von Franco-Nostalgikern wieder öffentlich gutgeheißen wird – diese Selbstanklage ist in Spanien kaum anzutreffen. Natürlich könnte man auch das kritisieren. Aber ich behalte davon den angenehmen Eindruck zurück, dieses Volk besitze Lässigkeit, Lebensfreude und den Blick für das Wesentliche.
Als negativ in der kulturellen Sphäre empfinde ich einige Rituale mit Feier- und Jubelattitüde, die mir inzwischen steril vorkommen. Es gibt auf breiter Front wenig kritische Neugierde. Da belässt man es gerne bei Präsentationen und Repräsentationen, bei Festakten und Hommagen: als phantasieloses Abfeiern von kalendarisch vorgegebenen Themen, mit denen auch die Zeitungen vollgestopft werden. Das ist aber nicht das, was einen kulturell beweglichen Menschen wirklich berührt. Was ihn berühren könnte, sind Austausch über offene Fragen, Debatten und geistige Auseinandersetzungen. Nachdenklichkeit und Ironie sind keine hervorstechenden spanischen Tugenden.
NSB: Wie würden Sie die spanische Literatur der letzten 10, 15 Jahre beschreiben: Welche Trends, Moden, stilistische und inhaltliche Eigenheiten gibt es? Lässt sich das auf einen Nenner bringen?
P. I.: Mich interessieren Autoren, die von erzählerischen Formen etwas wollen und im Bewusstsein der europäischen Tradition schreiben. Ich meine das Gegenteil von leicht bekömmlichen Bestsellern oder widerstandslos konsumierbarer Literatur. Die verkauft sich bekanntlich auch ohne Literaturkritik. Rafael Chirbes etwa ist ein Autor, der in Deutschland mit seinen geschichtsgesättigten Büchern populär geworden ist, der von seinen Lesern viel fordert und komplexe narrative Strukturen bietet, zugleich aber mit jedem Buch ein Projekt verfolgt. Er unternimmt so etwas wie die Radiographie des heutigen spanischen Bewusstseins.
Javier Marías ist ein anderes Beispiel. Er versucht mit seinem letzten großen Werk, dem knapp 1500 Seiten starken Roman „Dein Gesicht morgen“, das spanische Vergangenheitsgefühl, aber auch die Selbstzufriedenheit zu thematisieren, die mit der Demokratie einherging: das Bequeme und Konventionelle des demokratischen Bewusstseins, dieses Gefühl des „Uns kann doch niemand“ – das hat er aufgebrochen. Marías zeigt, dass auch auf Seiten der Linken, des nachher so erfolgreichen „juste milieu“, Betrug und Verrat geherrscht haben. Er lässt sich in kein Lager ziehen und von niemandem vereinnahmen.
Ein dritter Autor, den ich erst vor kurzem entdeckt habe, wäre Ramiro Pinilla, der sechsundachtzigjährige Baske, der mit der Trilogie „Verdes valles, colinas rojas“ vermutlich das zentrale Werk der baskischen Literatur des 20. Jahrhunderts geschaffen hat. Jahrzehntelang hat er sich abgekapselt und mit dem Rücken zum Literaturbetrieb geschrieben, weil er Verlagen nicht über den Weg traute. Allein diese drei Querköpfe und Idiosynkraten der spanischen Literatur und ihre drei völlig unterschiedlichen Stile imponieren mir so sehr, dass ich die hiesige Literatur für sehr lebendig halte. Diese Bücher finden auch ihre Leser. Und sie zeigen, dass der Roman als Kunstform immer noch in der Lage ist, komplexe Prozesse zwischen Individuum und Gesellschaft widerzuspiegeln. Es geht nicht um Thesen, Slogans oder Plakattexte, um direkte politische Aktion, sondern Bewusstwerdung und Erkenntnis. Der Roman, anders gesagt, ist immer noch die wesentliche Form des literarischen Denkens. Darum handelt es sich, um einen Begriff von Javier Marías zu benutzen, bei den gerade erwähnten Autoren: pensamiento literario, literarisches Denken.
NSB: Könnte man gegebenenfalls auch von einer Europäisierung der Literatur sprechen?
P. I.: Das kann man ganz sicher, auch wenn ich es nicht auf Europa beschränken würde. Javier Marías wurde im eigenen Land – nicht immer in schmeichelhaftem Ton – schon als angelsächsischer Autor bezeichnet. Seine Art der Intellektualität ist sicherlich nicht das, was man automatisch mit Lokalkolorit oder folkloristischem, kostumbristischem Schreiben verbindet. So verstanden, wirkt er nicht sonderlich spanisch. Ramiro Pinilla erwähnte einmal im Gespräch, wie viel er William Faulkner verdankt. Es wäre doch auch merkwürdig, wenn die Lektionen der literarischen Moderne nicht weiterwirken und in jedem Land spezifische neue Ausdrucksformen finden würden. Bei Chirbes etwa ist deutlich erkennbar, dass er Döblin und Hermann Broch verehrt. In seinen Essays bezieht er sich auf die literarische Moderne in Deutschland. So gibt es interessante Verbindungslinien, die uns diese Autoren nahebringen, so dass wir sie re-importieren können. Von der Anzahl der verkauften Exemplare her ist Chirbes in Deutschland erfolgreicher als in Spanien. Er wird in Deutschland zu den drei, vier ganz wichtigen spanischen Autoren gezählt. Das würde man in Spanien wohl anders sehen, weil es Konkurrenz gibt, die sich durch laute Präsentation oder durch Literaturpreise nach vorn schiebt – fragwürdige Preise, die viel Geld einbringen, oder eben durch schiere Verkaufsziffern, die alle anderen übertreffen.
NSB: Geben die deutschen Übersetzungen einen angemessenen Eindruck von der Entwicklung der spanischen Literatur?
P. I.: Es ist nachgewiesen, dass etwa die Gewinner des Planeta-Preises der letzten zehn Jahre nur etwa zur Hälfte ins Deutsche übersetzt wurden, obwohl diese Werke mit Vorschusslorbeeren, einem ansehnlichen Startgeld und soviel Werbung gestartet sind, wie sie ein Autor nur erträumen kann. Daraus folgere ich: Viele deutsche Verlage entscheiden völlig unabhängig von dieser Preisentscheidung. Sie sagen sich: Wenn die Literatur nichts taugt, wollen wir sie nicht veröffentlichen. Umgekehrt haben wir es erlebt, dass weniger bekannte Autoren auf Deutsch erscheinen, weil es gute Lektoren, findige Scouts und auch wache Journalisten gibt, die auf die wichtigen Bücher hinweisen - gute go-betweens im weitesten Sinne, Übersetzer, Liebhaber, Fans. Die spanische Literatur ist heute auf dem deutschen Buchmarkt ziemlich gut repräsentiert. Auch interessante Debütwerke, mit denen sich meist ja keine Bestsellerhoffnungen verbinden, finden oft einen Verlag. Der Wille, neue spanische Autoren aufzubauen, ist also vorhanden. Mir scheint es ein neugieriges und vielschichtiges Verhältnis zu sein, das zwischen Deutschland und der spanischen Literatur. Umgekehrt klappt es nicht ganz so gut. Der Export deutscher Literatur ist jedoch ein gesondertes Problem. Nicht nur in Spanien, auch in England, Italien oder Portugal scheinen unsere neueren Bücher auf ein eher gleichgültiges Publikum zu stoßen.
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